Angst ist ein schlechter Ratgeber

Zu Beginn der COVID-19-Pandemie sind vor allem ältere Menschen als Risikogruppe identifiziert worden. Mittlerweile gibt es allerdings auch zahlreiche Fälle von schweren Verläufen bei jüngeren Personen. Für Menschen mit Vorerkrankungen ist nach wie vor Vorsicht geboten, mahnt Dr. Ute Teichert im Interview mit dem VFF. Die Leiterin der Akademie für öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf ist außerdem Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD), seit drei Jahren Sondermitglied des VFF, und spricht unter anderem über Konzepte zur sicheren Rückkehr an den Arbeitsplatz und die Bedeutung des Öffentlichen Gesundheitswesens im Kampf gegen die Auswirkungen der Coronakrise.

Dr. med. Ute Teichert ist Leiterin der Akademie für öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf und seit 2010 Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD) in Berlin. Die Fachärztin für Öffentliches Gesundheitswesen hat zuvor viele Jahre in der Klinik und im Gesundheitsamt gearbeitet und anschließend eine Abteilung in einer Landesbehörde geleitet. Foto: Bettina Engel-Albustin

VFF: Frau Dr. Teichert, wie ist das Öffentliche Gesundheitswesen aus Ihrer Sicht bislang durch die Krise gekommen?

Dr. Teichert: Insgesamt haben wir in Deutschland die Krise im internationalen Vergleich gut gemanagt. Allerdings mussten und müssen wir in vielen Bereichen große Herausforderungen stemmen, ohne dafür genügend ausgerüstet zu sein. Es ist deutlich geworden, dass man das Öffentliche Gesundheitswesen als wichtige dritte Säule neben der ärztlichen und der stationären Versorgung sträflich vernachlässigt hat. Wir haben schon vor der Pandemie an den Grenzen unserer Kapazitäten gearbeitet. Dies hat sich seit März 2020 – nachdem sich die Lage in den Sommermonaten etwas beruhigt hatte - um ein Vielfaches verschärft. Mittlerweile ist es sogar Standard, dass die Gesundheitsämter an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr arbeiten. Die Kollegen im Öffentlichen Gesundheitsdienst sind regelrecht ausgelaugt.

Insofern ist es gut, dass kurzfristig Hilfskräfte hinzugezogen wurden, die aus anderen Bereichen und der Bundeswehr abgezogen und entsprechend geschult wurden. Dies ist auch ein tolles Signal von der Gesellschaft im Sinne von „wir unterstützen euch“. Aber es ist nur eine Zwischenlösung, da die Hilfskräfte nur begrenzt eingesetzt werden können.

Insgesamt gilt: Je mehr die Gesundheitsämter vor Ort gestärkt werden, desto mehr werden die Krankenhäuser entlastet. Dafür muss der Öffentliche Gesundheitsdienst aber beispielsweise auch Ausbreitungen der Infektionen vorbeugen, etwa durch gezielte, wirksame Quarantänemaßnahmen. Und die Mitarbeiter ganz vorn „an der Front“ müssen gestärkt werden. Vereinfacht gesagt: Personal im Gesundheitsamt kostet den Staat am Ende weniger als ein Beatmungsbett auf der Intensivstation.

Gleichzeitig sind meine Kollegen in den Gesundheitsämtern aber auch ins Zentrum der Öffentlichkeit gerückt. Plötzlich wird unsere Arbeit viel mehr wahrgenommen und wir sind, salopp gesagt, zu Coronahelden geworden. Infektionsschutz war schon immer unsere Domäne und wir haben gezeigt, was wir leisten können. Das ist durchaus eine positive Entwicklung. Als Öffentlicher Gesundheitsdienst sind wir zurzeit in den Medien viel präsenter als früher und können dadurch unseren Themen mehr Nachdruck verleihen

VFF: Seit dem 27. Januar 2021 gilt eine neue Arbeitsschutzverordnung, nach der Arbeitgeber ihren Beschäftigten künftig überall dort, wo es möglich ist und die Tätigkeiten es zulassen, das Arbeiten im Homeoffice ermöglichen müssen. Wie bewerten Sie diesen neuen Vorstoß?

Dr. Teichert: Homeoffice ist in jedem Fall eine neue, zeitgemäßere Form der Arbeit, aber Betriebe sollten in Betriebsvereinbarungen selbst regeln dürfen, ob und wie sie davon Gebrauch machen. Wir als Akademie für öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf hatten schon vor der Pandemie eine solche Betriebsvereinbarung. Und zurzeit sind bei uns selbstverständlich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vollständig im Homeoffice und nur in Ausnahmefällen im Büro.

VFF: Welche Schutzmaßnahmen empfehlen Sie für diejenigen, die Ihre Tätigkeiten nur am Arbeitsplatz verrichten können?

Dr. Teichert: Wir wissen, dass der Mund-Nase-Schutz eine wichtige Rolle spielt. Den Vorstoß, jetzt FFP2-Masken, also Masken des Arbeitsschutzes, vorzuschreiben, kann ich daher nur begrüßen. Hier kommt es aber auch auf den bestimmungsgemäßen Gebrauch an – beispielsweise müssen diese alle 70 Minuten gewechselt werden und sind als Einmalmasken vorgesehen. Ebenso ist ein regelmäßiges Lüften der Räume alle 20 Minuten wichtig. Wir wissen, dass besonders enge Räume, auf denen viele Menschen zusammenkommen, ein Risiko darstellen.

VFF: Apropos Lüften: Laufen da nicht gerade Menschen mit Vorerkrankungen und einem schwächeren Immunsystem besonders Gefahr, sich durch die häufige Zugluft zu erkälten?

Dr. Teichert: Manche Menschen haben ein Problem mit Zugluft, das muss man akzeptieren, egal was Studien belegen oder widerlegen. Die Lösung hierfür ist aber denkbar einfach: Regelmäßig die Fenster aufmachen und während des Lüftens den Raum verlassen. Um den Luftwechsel zu erreichen und die Virusbelastung zu minimieren, reicht es schon, alle 20 bis 30 Minuten für fünf Minuten zu lüften.

Im Übrigen haben die Hygieneregeln schon jetzt einen deutlichen Rückgang bei den üblichen Erkältungen, grippalen Infekten und auch Magen-Darm-Erkrankungen bewirkt. Das bestätigen uns Allgemeinmediziner.

VFF: Gibt es Arbeitskonzepte, mit denen man den Risiken vernünftig begegnen kann, ohne bestimmte Arbeitnehmergruppen zu verunsichern?

Dr. Teichert: Jeder muss sich seinen eigenen Arbeitsplatz genau ansehen und auf Risikofaktoren prüfen. Wenn ich nicht in einer Werkshalle mit mehreren hundert Mitarbeitern arbeite, sondern im normalen Bürobetrieb mit festen Arbeitsplätzen, dann ist das Risiko leichter zu minimieren. Hier ist die Frage: Wie viele Menschen kommen in mein Büro? Ist mein Kollegenkreis auf wenige Personen beschränkt?

Ganz kritisch sind dagegen Großraumbüros einzuschätzen. Da müssen Arbeitgeber genauestens bewerten, ob das so noch funktionieren kann. Wenn jemand an einem Ende hustet, verteilt sich das sehr schnell im Rest des Raums. Einzelbüros oder Büros mit festen Kollegenkonstellationen sind klar zu bevorzugen. Arbeitgeber sind gefordert, ihre Arbeitskonzepte sorgfältig zu überprüfen und gegebenenfalls an die neuen Hygieneanforderungen anzupassen.

VFF: Wie sieht es denn mit modernen, mobilen Arbeitskonzepten etwa in diversen Innovationszentren aus, in denen sich die Arbeitnehmer zwar einzelne, aber stets wechselnde Plätze suchen, um ihren Laptop einzustöpseln?

Dr. Teichert: Bürohopping sehen wir in den Gesundheitsämtern kritisch. Man sollte möglichst einen festen Platz an einer Stelle haben.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die regelmäßige Reinigung, die leider immer noch zu häufig vernachlässigt wird. Es reicht auf keinen Fall, die Räume ein- bis zweimal die Woche zu reinigen. Auch die tägliche Toilettenreinigung reicht unter diesen Umständen nicht aus. Jeder Betrieb braucht ein eigenes Hygienekonzept mit einer Gefährdungsbeurteilung. Bei uns in der Akademie für öffentliches Gesundheitswesen ist es beispielsweise so, dass dreimal am Tag die Tische und Türklinken gereinigt werden.

VFF: Wie kann der Schritt zurück aus dem Homeoffice ins Büro für möglichst viele Mitarbeiter gelingen, sobald es die Zahlen wieder zulassen?

Dr. Teichert: Wir brauchen hybride Arbeitskonzepte, die stufenweise erprobt werden sollten. Homeoffice auf Dauer ist nicht immer die beste Lösung. Denn grundsätzlich kann die dauerhafte Vermischung zwischen Privat- und Berufsleben auch schwierig sein und zur Belastung werden.

VFF: Sind die seit November 2020 auffällig gestiegenen Zahlen von Corona-Infizierten auch auf die Grippesaison zurückzuführen? Können Sie hier von einer weiteren Krisensituation für die Gesundheitsämter sprechen?

Dr. Teichert: Wir haben keinen Hinweis darauf, dass die gestiegenen Infektionszahlen im Bereich Covid-19 mit der Grippe zusammenhängen – ganz im Gegenteil: Wir haben viel weniger Grippefälle als in den Jahren zuvor. Ich führe das auf die zahlreichen Hygienemaßnahmen und das gestiegene Bewusstsein hierfür zurück.

VFF: Sollten die verschärften Hygienemaßnahmen vielleicht besser beibehalten werden, auch nachdem man die COVID-19-Pandemie irgendwann in den Griff bekommen haben wird?

Dr. Teichert: Ja, ich setze mich beispielsweise schon seit über 20 Jahren für eine bessere Händehygiene ein. Vor Corona haben viele darüber gelacht, aber jetzt verstehen sie die Bedeutung. Den Menschen ist der Wert von Gesundheit insgesamt noch einmal stärker ins Bewusstsein gerückt.

Auch im Bereich der öffentlichen Toiletten müssen Hygienemaßnahmen massiv verschärft werden. Da sollte man den „Schwung“ der Coronaprävention nutzen, denn davon würde die Gesellschaft insgesamt profitieren.

Hygiene muss dauerhaft Teil unseres Lebensalltags werden. Es wird am Ende auch ein Plus für den persönlichen Komfort bedeuten, wenn Menschen mehr darauf achten und beispielsweise auch Gedränge vermeiden.

VFF: Findet eigentlich ein regelmäßiger Austausch zwischen Forschung und Gesundheitsämtern statt? Gerade im Kampf gegen die Pandemie gibt es beinahe täglich neue Entwicklungen. Verfolgen Sie diese?

Dr. Teichert: Ich persönlich halte mich täglich auf dem Laufenden und verfolge neben dem Newsticker auch relevante Medizinportale. Es gibt aber leider keinen geregelten Austausch zwischen der Forschung und dem Öffentlichen Gesundheitswesen. Das kritisieren wir auch schon seit Langem, das muss sich ändern. Zumal die Informationsflut enorm ist, was sogar für uns zuweilen schwierig ist, geschweige denn für Nicht-Experten.

VFF: Würden Sie momentan generell von Reisen abraten?

Dr. Teichert: Ja, definitiv. Wenn man keinen dringenden Grund hat, sollte man das Reisen lieber lassen. Man weiß nie, wann und wo neue Reisebeschränkungen beschlossen werden – und man dann überhaupt wieder zurückkommt.

VFF: Wie schätzen Sie die gesundheitlichen Folgen der Lockdown-Maßnahmen ein?

Dr. Teichert: Die Belastungen dieser Krisenzeit wirken sich nicht zuletzt auf Menschen mit Vorerkrankungen aus. Die Zahl an psychischen Erkrankungen, das belegt beispielsweise die NAKO-Studie*, hat insgesamt zugenommen. Gemäß dieser Studie haben im ersten Lockdown im vergangenen Jahr Symptome wie Angst und Depressionen vor allem bei den unter 60-Jährigen zugenommen, und hier insbesondere bei Frauen. Zudem nahm der selbstempfundene Stress in allen Altersgruppen und bei beiden Geschlechtern zu. Auch bei Kindern und Jugendlichen sind die Belastungen gestiegen, das zeigt z. B. eine Studie des Journal of Health Monitoring**. Durch Schließungen der Betreuungs- und Bildungseinrichtungen und dem damit einhergehenden Verlust der gewohnten Tagesstruktur, durch Kontaktabbrüche und das ausschließliche Lernen zu Hause ergaben sich erhebliche Herausforderungen für betroffene Kinder und deren Familien. Nicht selten waren Symptome von Angst und Depressionen sowie eine geminderte Lebensqualität die Folge. In manchen Familien häufte sich zudem die familiäre Aggression bis hin zu häuslicher Gewalt. Kurzum: Sehr viele Menschen leiden unter den Umständen des Lockdowns. Man muss hier genau hinschauen und frühzeitig gegensteuern.

VFF:  Betrachten wir die Situation älterer Mitbürger, ob Arbeitnehmer oder auch schon Rentner. Müssen Ältere mehr Angst vor einer Infektion haben als die Jüngeren?

Dr. Teichert: Nein, Angst ist ein schlechter Ratgeber. Man sollte sich aber an die Hygieneempfehlungen halten und überlegen, in welche Situationen man sich begibt. Auch die üblichen Gesundheitsempfehlungen, sich etwa der Jahreszeit entsprechend zu kleiden, gelten weiterhin. Bewegung und Ernährung waren, sind und bleiben sehr wichtige Faktoren. Wichtig ist ebenfalls das Lüftungsverhalten. Kurzum: Wer gesund ist, sollte keine Angst haben. Wer Vorerkrankungen hat, sollte nicht ängstlich sein, sondern vorsichtig. Das gilt im Übrigen für Menschen allen Alters.

VFF: Können Sie in ein paar kurzen Sätzen die Zweifel an den Impfstoffen aus dem Weg räumen?

Dr. Teichert: Der Impfstoff ist auf jeden Fall sicher. Auch, wenn er in kurzer Zeit entwickelt wurde, bedeutet das keine Nachteile. Er hat – ebenso wie alle anderen in Europa zugelassenen Impfstoffe auch – jedes Zulassungsverfahren durchlaufen und ist gut entwickelt. Mittlerweile wurden in Deutschland bereits knapp zwei Millionen Menschen geimpft – und es gibt keine Berichte über vermehrte Nebenwirkungen. Der Impfstoff ist demnach grundsätzlich gut verträglich. Und er stellt ein sehr wichtiges Instrument dar, um sich gegen die Pandemie zu schützen. Dafür müssen allerdings viele Menschen bereit sein, sich impfen zu lassen. Denn nur so erzeugen wir mittel- bis langfristig eine Herdenimmunität.

VFF: Insbesondere in den sozialen Medien wird momentan die „Panikmache“ der Medien scharf kritisiert – wie sehen Sie das?

Dr. Teichert: Ich sehe die verstärkte Berichterstattung über den Corona-Virus momentan nicht als Panikmache. Was ich allerdings teile, ist das Gefühl der Informations-Überflutung. Das ist aber in meinen Augen keine Panikmache, sondern liegt eher an unserer breit gefächerten Medienlandschaft und deren Omnipräsenz durch mobile Endgeräte und soziale Medien. Durch diese ständige Konfrontation mit Medieninhalten fühlt man sich meiner Meinung nach auch stärker beeinflusst. Und natürlich sind viele Themen rund um die Corona-Pandemie momentan einfach relevant. Dies alles zusammengenommen erweckt wahrscheinlich bei vielen den Eindruck, dass wir mehr von Informationen überflutet werden als früher.  

Vielen Dank für dieses Interview, Frau Dr. Teichert!

 

*Hier erfahren Sie mehr zur NAKO-Studie.
**Die Studie des Journal of Health Monitoring finden Sie hier.

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